Menschen bei schwerer Moorarbeit  (Auszug aus einem alten Leseheft "Leuchtturm" von 1951)

Lang hat es gedauert, bis die Menschen dahinter kamen, dass im Moor ja Torf ist und dass man diesen Torf graben und sogar im Ofen und Herd verbrennen und sich an der Flamme wärmen kann. Erst vor rund 700 Jahren begannen sie das Torfgraben in größerem Umfange. Aber nur vom Rande des Moores aus versuchte man das Graben. Mitten im Moor – oh nein, das war zu gefährlich.

Wieder gingen Jahrhunderte ins Land. Der Menschengeist rastete nicht. Er kam auf den Gedanken, das Moor für den Ackerbau zu gebrauchen. Vor 300 Jahren begann man bei uns in Deutschland damit. Erst versuchte man es durch das Moorbrennen. Dann zog man Kanäle, grub den Torf ab und setzte Häuser auf den festen Grund.

Heute braucht man nicht einmal mehr den Torf auszugraben, man kann auf der Oberfläche des Moores Acker- und Wiesenland schaffen. Zu allen Zeiten aber ist Moorarbeit schwerste Arbeit gewesen.

Brandkultur um 1765

Aus der Türöffnung einer armseligen Moorkate kam in gebückter Haltung ein Mann. So niedrig war die Tür, dass er nicht aufrecht ins Freie treten konnte. Er war ein Kriegsmann gewesen, hatte unter Friedrich dem Großen im preußischen Heere gedient und war in der Schlacht bei Torgau schwer verwundet worden. Sein steif gebliebenes Bein hatte dem Soldatenleben ein Ende gemacht und nun hatte sein König ihn hier im Moor angesiedelt. Das ganze Dorf bestand nur aus etwa 20 solcher Moorhütten und rund 150 Menschen hatten so eine kärgliche Wohnung.
Als der Kriegsinvalide noch dastand, in Gedanken versunken, trat aus der Hütte gegenüber ein kräftiger junger Mann heraus.
„N`Àvend, Vadder Schulz!“ sagte er. „Na, wo gefallt di dat denn nu bi us?“
„Tja,“ antwortete der Invalide, „es wird ja ein saures Stück Arbeit sein für mich. Na ja, es wird wohl schon gehen. Bloß meine Frau jammert mir jeden Tag die Ohren voll über dieses Rattenloch von Haus, wie sie es nennt. Hm, viel besser sieht es auch nicht aus. Bloß Dachsparren, mit Torfplaggen belegt. Und durchgeregnet hat`s auch schon. Na, wenigstens haben wir nicht gefroren, mit 4 Menschen in einem Raum und Ziege und Schwein noch dazu. Und hättest du mir nicht geraten, Bretter unter den Tisch und die Stühle zu nageln, dann wäre wohl schon alles eingesackt in den weichen Boden.
„Tjä, Vadder Schulz, dat geit jo den annern alltohop nix beter. Twintig söckse Dörper gifft dat hier in use Gegend, mit Dusende von Minschen. Un – wat ick seggen wull, tokumm Week is nu jo Himmelfaart, un denn köönt wi jo woll bold anfangen to brennen, wenn dat nu dröget Weer blifft. De Gravens, wo wi vergangen Sommer so bannig veel mit to doon harrn, hefft jo wolle eer Schulligkeit daan, un dat Moor is so bi lüttjen genoog afdröögt.
(Tja, Vater Schulz, das geht ja den anderen nicht besser. 20 solcher Dörfer gibt es hier in der Gegend, mit tausenden von Menschen. Und, was ich sagen will, nächste Woche ist ja nun Himmelfahrt, und dann können wir bald anfangen zu brennen, wenn es nur trockenes Wetter bleibt. Der Graben, mit dem wir letzten Sommer so viel zu tun hatten, hat ja wohl seine Schuldigkeit getan und das Moor ist so genug abgetrocknet.)

Einige Tage darauf kommen aus allen Hütten die Männer und Frauen heraus. Sie tragen eiserne Pfannen mit glühenden Torfstücken. Da und dort werfen sie die Stücke auf das Moor, so dass die ausgetrockneten Torfmoose langsam zu glimmen anfangen. Ein gewaltiger Rauch steigt zum Himmel auf. Er nimmt den Menschen fast den Atem und treibt ihnen die Tränen in die Augen. Aber sie gehen weiter, zertreten hier und da eine zu heftig aufflackernde Flamme, werfen neue Torfstücke aufs Moor und hören nicht eher auf, als bis das ganze entwässerte Moorland in Brand steht.
Tagelang noch steht der Rauch über der Gegend. Nur langsam zieht er weiter. Bis nach Thüringen hin dringen die dichten Schwaden, die man dort Höhenrauch nennt. Am Abend dieses heißen Tages spricht Hinnerk – so heißt der junge Moorbauer – wieder in der Hütte des Alten vor. Hustend empfängt ihn dieser. „Junge, Junge, da war mir aber der Pulverdampf auf dem Schachtfeld lieber!“
„Tjä,“ lachte Hinnerk, „nu willt wi man morgen glieks Bookweten seien. De mutt rin, solang de Eer noch warm is, denn waßt he beter. Von Himmelfaart bit Sankt Vit (15. Juni)– is de beste Boowetentiet. Wenn dat man kinen Nachtfrost mehr gifft! Vör twee Jaar, Vadder Schulz, do seeg dat man slecht ut bi us. Allens weer verfroren, un do hefft wi erst markt, wat de Bookwetenjanhinnerk ( Buchweizenpfannkuchen) us wert is. Swien und Zeeg hefft wi verkopen musst, anners kunnen wi us kinen Bookweten wedder anschaffen. Mennicheen hatt domals allens in Stich laten un is wegtagen.
(Tja, nun wollen wir mal morgen gleich Buchweizen säen. Der muss rein, solange die Erde noch warm ist, dann wächst er besser. Von Himmelfahrt bis Sankt Vit, das ist die beste Buchweizenzeit. Wenn es nur keinen Nachfrost mehr gibt! Vor zwei Jahren, da sah es schlecht bei uns aus. Alles war erfroren und da haben wir erst gemerkt, was so ein Buchweizenpfannkuchen wert ist. Schwein und Ziege mussten wir verkaufen, anders konnten wir uns keinen Buchweizen wieder anschaffen. Mancher hat damals alles im Stich gelassen und ist weggegangen.)

„Sag mal, Hinnerk, du bist doch ein verständiger Mann. Wie oft können wir das Moor denn noch abbrennen? Ich meine, das geht doch nicht bis in alle Ewigkeit so weiter!“
„Tjä, Vadder Schulz, dat is dat ja man. Veer Jaar bin ik nu al hier, un jedet Jaar is de Arnte slechter worrn. De länger hier sünd, seggt: Na soßmal Brennen is`t all wedder doot. Denn heet dat: Neet Moor afbrennen.“
(Tja, Vater Schulz. Das ist es ja. Vier Jahre bin ich nun hier und jedes Jahr wird die Ernte schlechter. Die schon länger hier sind sagen, dass nach sechs Mal Brennen alles wieder tot ist. Dann heißt es, neues Moor abbrennen.)

Von der Entstehung des Torfmoores  (Auszug aus einem alten Leseheft "Leuchtturm" von 1951)

Von einem hoch gelegenen Torfmoor hatte man eine weite Aussicht. Man sah am Horizont die Türme der Stadt in blauen Dunst gehüllt. In jener Stadt herrschte ein reges Leben. Das Moor dagegen war schweigsam, war tot.
Es war eine Zeit gewesen, da hatte es reges Leben und Wachsen gegeben. Tausend und abertausend Torfmoospflanzen hatten nebeneinander gestanden, frisch, im besten Wachstum. Wenn es regnete, dann hoben die Torfmoospflanzen ihre Köpfe. Sie sogen so viel, dass wegen ihrer Wasserbäuche der Platz bald zu eng wurde. Ihre spitzen, grünen Finger hoben sie in den Himmel, als wollten sie damit sagen; daher kommt der Segen, daher kommt das Leben, und wir wollen dahin, zur Quelle des Lebens. Die grünen Torfmoose wetteiferten im Wachsen, eins wollte noch höher sein als das andere und es schien ihnen, als seien sie hier auf dem Moore die Alleinherrscher, weil sie so zahlreich waren, so saftig und kräftig; ihre Stärke, meinten wie, wäre unbezwingbar.
Zwischen ihnen aber stand die Heide in all ihrer Genügsamkeit. Sie sah mitleidig die strotzenden Wasserbäuche an und dacht bei sich: Es ist doch schön, wenn man genügsam und bei wenig Nahrung zufrieden und glücklich ist. – „Platz!“ riefen die Wasserbäuche der Heide zu, „drück dich beiseite, oder wir wachsen dir über den Kopf!“ – „Oh, diese Protzer, diese Prasser,“ sagte ein Birkenstrauch zur Heide, „was diese für ein Wort haben, als gehöre die ganze Erde nur ihnen. Sie saufen sich die Bäuche voll und wollen den Bedürfnislosen und Bescheidenen beiseite drücken. Es wird noch eine schlechte Zeit für sie kommen. Ich kenne die Welt.“ – „Ja, du kennst die Welt, du Naseweise,“ höhnten die Torfmoose, „mach uns Platz“, schrien sie, „oder wir treten auf deine dürren Füße und wachsen dir über dein weises Haupt!“ So zankten sich die drei. Je mehr es regnete, desto übermütiger wurden die Torfmoose. Ja wahrhaftig, sie kleinen Heidesträucher wurden stellenweise grausam von ihnen zu Boden getreten und mussten unter ihrem Druck sterben und vermodern.
Es kam aber eine andere Zeit, eine Hungerzeit. Auf nasse Wochen folgten dürre, unfruchtbare Wochen. Es fiel kein Regen. Die Torfmoose, die sich so recht vollgesogen hatten und am üppigsten dastanden, reckten sich noch höher zur Sonne empor, unbekümmert darum, ob ihre Kameraden nach Licht und Luft jammerten. Einige blieben gern im Schatten, damit die Sonne sie nicht völlig austrockne; zuletzt hätten selbst die üppigen und vollgesogenen Moose gern im Schatten gestanden. Bescheiden und ruhig waren die Wasserschläuche geworden und hatten nicht mehr so raue und garstige Worte für die Heide, der die Nahrung immer noch reichlich schien. Je trockener es wurde, desto mehr Torfmoose mussten verdursten, vertrocknen. Sie Sonne machte sie leichenblass, und so sanken sie in sich zusammen. Das war ein großes Sterben und Dahinsiechen. Die Heide fing an die Glöcklein zu läuten in dieser Zeit des großen Sterbens. Blass und bleich lagen die Torfmoose da, aber die Heide prangte im üppigsten, lebensfrischen Rot.
Nun aber kam der Herbstwind und fegte kalt über die Heide und nahm den Glöcklein ihre rote Farbe; fahl und grau wurden sie und die Blätter wurden zum Teil braun. Die Birke jammerte und ließ ihr goldgelbes Laub fallen. So lagen dann sie toten Moose unten den verstummten Glocken der Heide und unter dem Blattgold der Birke.
In jedem Jahr nun begann der Kampf ums Dasein von neuem. Während des Regens standen die Torfmoose voller Feuchtigkeit und zeigten mit ihren spitzen, grünen Fingern zur Sonne. Heide und Torfmoose kämpften wieder auf Leben und Tod. Bald überwucherte das Torfmoos die Heide, bald die Heide das Torfmoos, wie eben das Wetter für diesen oder jenen günstig war. Das Sterben hörte nicht auf. Heide und Torfmoos sanken dahin und über ihnen gedieh das Leben aufs Neue. Zu Tausenden und aber Tausenden lagen sie übereinander; die Unterliegenden waren durch Druck und Wärme braun geworden. Ja, die vor vielen Jahren gestorben waren und nun ganz tief unten lagen, waren kohlschwarz geworden; denn sie waren durch den Druck und den Abschluss von der Luft vertorft.
Kleine Birkensträucher waren unter die Füße des Heidekrautes gekommen, waren gestorben und lagen nun unten, schwarz wie verbrannt. Leben und Sterben, Blühen und Vergehen… Das Lied von ewigen Kämpfen und vom ewigen Frieden tönt über die große Fläche.
Nach vielen, vielen Jahren fällt selbst die Birke um. Sie hat früher von oben herab auf das Getriebe unter sich geschaut und hatte hochmütig gedacht: Was quält und zankt sich die Menge unter mir auf Leben und Tod! Ich muss alle Tage auf dieses Elend da schauen. Nun war auch sie alt und schwach geworden. Einsam, verlassen stand sie da mit ihren morschen Ästen und Zweigen und sie vermochte sich kaum zu halten, wenn der starke herbstwind über die Heide fuhr. Oh Gott, was für ein Jammer! So klagte sie nun: „Allein stehe ich hier, alt, schwach, - gebrochen an Leid und Seele.“
„Ja ja“, entgegneten die Torfmoose, „früher hast du große Worte geredet, so hörten wir von unseren Brüdern, die längst gestorben sind. Jetzt merkst du es auch: Alles Irdische ist vergänglich.“
Dann kam eines Tages der Herbststurm daher und riss sie erbarmungslos zu Boden. Heide und Torfmoos wuchsen über ihren Körper und wucherten über sie hinweg.
Jahrhunderte währte dieses Leben und Sterben und ist noch heute.
Die zu Torf gewordenen schwarzen Pflanzenreste sollten noch den Menschen dienen. Sie nannten sie Torf und gruben sie wieder aus. Immer tiefer gruben sie, bis zu den vollkommen schwarzen Schichten; denn das, sagten sie, wäre der beste Torf, der schwarze Torf.
Es war eine mühselige Arbeit, den schwarzen Torf von unten aus der Grube, dem Spitt, wie sie die Grube nannten, nach oben zu werfen. Die Torfarbeiter wischten sich den Schweiß von der Stirn. „So`n Dag in`n Spitt to arbeiten is nich licht“, meinte ein junger Mensch.
Kommt heran an die Grube, Kinder, aber passt auf, dass keiner zu dicht an den Rand tritt und hinunterfällt; ich will euch die Schichten zeigen. Da seht ihr sie! Oben ist die Schicht ganz hell und ganz locker. Der Torf fällt leicht auseinander, und seht, ihr könnt noch das Torfmoos erkennen; hier, das Gelbe, das ist eine solche bleiche Torfmoosleiche, und auch Heidekraut ist dazwischen. Die Leute nennen diesen Torf Weißtorf. Er ist leich und locker und darum gut zum Feuer anmachen. Je weiter man nach unten gräbt, desto fester und dunkler wird der Torf. Ihr könnt nichts vom Torfmoos erkennen, alles ist schwarz und wie verkohlt; das ist der Schwarztorf. Seht, da unten liegt noch ein Birkenast; wie schwarz der geworden ist, aber an der weißen Rinde könnt ihr ihn noch erkennen. Ihr seht auch, alles Wasser ist nach unten gesickert und im Spitt ist schwarzer Schlamm.
Mit dem Graben ist die Arbeit noch nicht getan. Die gestochenen Soden sind durch und durch nass. Sie müssen von Wind und Sonne getrocknet werden. Damit der Wind sie ordentlich austrocknen kann, werden sie geringt. Die Soden werden zu Haufen so aufeinander gelegt, dass der Wind so recht durch die Lücken hindurch pusten kann und alle Feuchtigkeit mitnimmt. Erst wenn die Torfsoden ganz ausgedörrt sind, ist die Arbeit getan.
(von Hermann Hestermann)

 geringter Torf_1

geringte Torfsoden